Was die Europawahl mit den Sozialen Medien gemeinsam hat…

Was die Europawahl mit den Sozialen Medien gemeinsam hat…

[Ein Kommentar]

Europa hat gewählt. Und wie…!

Ergebnis: Die rechten Populisten, aber auch die linken Europagegner haben zugelegt. Das Erschreckende dabei: rund ein Viertel bis ein Drittel der im Europa-Parlament künftig vertretenen Parteien sind GEGEN Europa.

Hineingewählt von Menschen, die das Prinzip Europa nicht verstanden haben oder verstehen wollen. Die also dagagen sind. Und dieses Dagegen-sein so zum Ausdruck bringen. Protestwähler viele davon.

Aber was hat das jetzt mit den Sozialen Medien, mit Facebook und Twitter und Co. zu tun?

Wer schreit hat recht?

Für mich eine ganze Menge: In den Sozialen Netzwerken beobachte ich immer wieder den ähnlichen Mechanismus wie im Wahlkampf der Europawahl auf den populistischen Flanken. Die Menschen werden über Emotionen geködert, nicht über Sachargumente.

Wenn die Bildzeitung schreibt, dass die faulen Griechen Milliarden von Europa überwiesen erhalten, kocht die Volksseele und Europa gehört abgeschafft. Wenn bei Facebook ein Post ein armes Kätzchen zeigt, wird gefordert, dass der Katzenschänder gevierteilt wird.

Zuweilen erinnert mich das (im Leben wie in den Sozialen Netzwerken) an mittelalterliche Hexenrituale: keifende Zuschauer, die das Kräuterweib ins Wasser werfen und ertrinken sehen wollen. Hängt Sie! Vierteilt Sie! Wir wollen Blut sehen!

Mit sachlicher Argumentation hat das nichts zu tun – nun ja, es ist ja auch viel einfacher, mal schnell eine Petition zu zeichnen oder einen shitstorm zu initiieren, als sich die Mühe zu machen, sich mit dem Thema auseinander zu setzen… So wie es eben anscheinend auch einfacher ist, populistische Blähköpfe zu wählen, die in mittelalterlicher Inquisitor-Manier über Europa geifern, als sich zu engagieren.

Dagegen-Sein ist einfacher

Eine Petition zu unterzeichnen kostet nur einen Mausklick, Protestwähler zu sein, nur ein kleines Kreuz. Hauptsache keine Arbeit damit…! Dass dabei etwas verloren geht, scheint nicht zu kümmern.

Eine kleine Hoffnung bliebt aber: So wie in den Sozialen Netzen ein Shitstorm durch die virtuellen Gänge fegt und anscheinend kurze Zeit später wieder nahezu vergessen ist (wie mittlerweile eine ganze Reihe Untersuchungen zeigen), so könnte – nein! so sollte – es hoffentlich in einigen Monaten, spätestens aber bei der nächsten Europa-Wahl sein: Dass sich die Emotionen gelegt haben und der Verstand wieder ein wenig mehr Besitz ergreift von denen, die da klicken und ankreuzen…

Wünschenswert wäre also, wenn vor dem nächsten Kreuz oder vor dem nächsten Mausklick eine kurze Pause des Nachdenkens erfolgte, die vielleicht im Tun resultiert und nicht nur im Protestieren. Denn eines ist klar: Nichts ändert sich durch´s laute Schreien, durch´s Protestieren oder durch populistische Parteienplattitüden. Die Dinge ändern sich nur durch´s TUN.

Es gibt nichts Gutes…

…außer man tut es. Das wußte schon Erich Kästner. Das bedeutet: Wer etwas ändern will, muss etwas tun. Klicken und schreien hilft nichts. Deshalb kann ich in den Sozialen Netzwerken die Petitionsklicker genauso wenig ernst nehmen wie die Protestwähler bei den Wahlen. Nur dagegen sein ist kein Programm!

Foto: www.flickr.com/photos/carbonnyc/