
Treibt Facebook die "Basisdemokratisierung" voran?
Matthias Stolz schreibt im Magazin der heutigen Ausgabe der ZEIT (Ausgabe 11 vom 10.03.2011) unter der Überschrift “Facebookratie” davon, wie sehr die sozialen Medien – und allen voran Facebook mit seinem rasanten Wachstum – unsere Demokratie verändert.
Haben die meisten bis vor kurzem Facebook für harmlose Freundschaftsplattform gehalten, auf der sich viele kleine Narzisten vor allem selbst veröffentlicht sehen wollen mit so wichtigen Mitteilungen wie “Ich bin dann mal gerade Mittagessen…”, so wurde ihnen seit einigen Wochen doch allmählich bewußt, was diese seltsamen neuen Medien bewirken können: Man hatte ja den Eindruck, dass die arabischen Staaten wie beim Domino-Day umfallen und sich einer demokratischeren Regierungsform zuwenden.
Da war die Zeit des harmlosen Freunde-Portals zu Ende.
Und immer wieder hörte oder las man davon, dass Facebook und andere soziale Medien eine gewichtige Rolle dabei gespielt hatten, denn sie hatten es dem aufbegehrenden Volk ermöglicht, sich zu organisieren, sich zu Demonstrationen zusammen zu finden und ihren Widerstand zu formen.
Das war die Zeit, als man allmählich realisierte, dass Facebook vielleicht auch eine politische Komponente in sich trägt, die genutzt werden kann.
Aber das mit Facebook und Afrika war ja weit weg und überhaupt waren das ja Diktaturen und dass die in Afrika sowas machen, kann man ja irgendwie verstehen und überhaupt…
Doch dann kam alles irgendwie anders, denn plötzlich entdeckten auch die Deutschen, dass man Facebook und andere soziale Medien nutzen kann, um Politik zu machen. Und das sehr schnell. Rund um die Guttenberg-Affäre organisierten sich die Pro-Guttenberger ebenso wie die Anti-Guttenberger.
Ja, noch versuchten die klassischen Medien ihre Position zu behalten und gingen ebenfalls in Stellung für (BILD) bzw. gegen (SPIEGEL) Guttenberg. So, wie man es kennt: da links, dort rechts, hier liberal.
Aber plötzlich hörte man in den Medien immer öfter auch von Facebook-Seiten, die Hunderttausende für oder gegen Guttenberg hinter sich versammelten.
Das war der Augenblick, in dem dann klar war: Soziale Medien, Facebook und Co., spielen künftig in der Politik mit, denn sie bilden die Meinung des Volkes in einer Weise ab, welche die Realpolitiker nicht mehr ignorieren können:
In wenigen Stunden sammeln sich 200.000 Befürworter, die Guttenberg unterstützen und zeitgleich organisieren sich Doktoranden innerhalb von 48 Stunden zu Zehntausenden.
Egal, auf welcher Seite man stand: man staunte ob der rasanten Entwicklung der Pro-Kundgebungen und der Anti-Statements und irgendwie bekam man das Gefühl, da rauschen zwei Stürme durch´s Land, einer Für und einer Gegen KTG. Konnte man sich dem noch entziehen? Oder forderte dies nicht auch eine eindeutige Zuordnung von einem selbst zu einer der beiden Fronten?
Und plötzlich merken auch die klassischen Medien, dass sich da neue Mitspracheorgane entwickelt haben, die nicht beiseite geschoben werden können, die deren Position ins Wanken bringen:
Matthias Stolz beschreibt den Moment, in dem die “Affäre Guttenberg”ins Kippen kam so:
“Die BILD-Zeitung ließ auf ihrer Internetseite über Guttenberg abstimmen und merkte: Huch, die stimmen ja gar nicht für, sondern gegen ihn. Da nahm die Redaktion die Umfrage schnell aus dem Netz. Erst als aus dem Internet die Proteste gegen die Selbstzensur anwuchsen, stellte sie die Abstimmung wieder rein.”
Und er bezeichnet diesen Moment als
“kleine, aber entscheidende Kapitulation der alten Macht BILD vor der neuen Macht Facebook.”
Das war wohl der Augenblick, in dem die klassischen Medien die Macht der neuen sozialen Medien zu spüren bekamen.
Und das Besondere bzw. das Neue daran? Die Politik beginnt in Echtzeit darauf zu reagieren: Nicht mehr des Druck durch die klassischen Medien war oder ist es, der die Politiker zum Handeln zwingt, sondern der Druck, der aus den sozialen Medien heraus entsteht! Und dies ist ein direkterer (ja, in der Tat vielleicht auch ein populistischerer) Druck, der da entsteht und der künftig wohl noch so manche Entscheidung mitprägen wird. Und zwar mehr und mehr ungefiltert durch die etablierten “alten” Medien Zeitung, TV, Hörfunk und Radio.
Und diesen Effekt betitelte dann ein Kommentator, der sich Sigmund1974 nennt, am 11. Februar 2011 im Forum der ZEIT-Online mit dem Wort “facebookratisiert”.
Das war dann der Augenblick, in dem wohl klar war: Da ändert sich gerade was in unserer Welt (auch in unserer deutschen, nicht nur irgendwo in Afrika)…